Der Shitstorm zu WarCraft 3 Reforged

Der Shitstorm zu WarCraft 3 Reforged

Screenshot: WarCraft 3 Reforged auf Metacritic
WarCraft 3 Reforged auf Metacritic

Schon die Beta lief alles andere als glatt, aber als WarCraft 3 Reforged erschien brachen alle Dämme: das Spiel mit den schlechtesten User-Bewertungen auf Metacritic, dazu stehen "Reddit und deren Forum in Flammen".

Wie immer sollten User-Bewertungen nicht ohne tiefere Analyse betrachtet werden. Eine Regel ist ziemlich einfach: wer sich beschweren will tut das eher, als jemand, der etwas positives zu sagen hat. Und speziell extreme Wertungen sollte man immer kritisch sehen, da sie oft sehr einseitig sind und sich auf einzelne Aspekte beziehen, die teilweise nichts mit dem eigentlichen Produkt zu tun haben (z.b. auf Amazon 0 Sterne geben wegen verspäteter Lieferung). Dazu ist Metacritic nicht gerade der Hort der Objektivität, auch deren Formel für die großen Magazine ist nicht öffentlich und es wurde schon öfters gemutmaßt, dass große amerikanische Magazine überproportional gewichtet werden. Aber um den sog. Critic-Score geht es gar nicht, der ist aktuell bei 60 von 100 Punkten ungefähr da, wo ich ihn erwartet hatte. Aber der User-Score von aktuell 0,5 von 10 (zum Vergleich: 5 von 100) ist absolut unterirdisch. Damit ist es das am schlechtesten von Usern bewertete Spiel auf der Plattform. Aber ist es wirklich so einfach? Ich denke: Nein.

Zum einen scheint es organisiert oder zumindest eine Welle gegeben zu haben: komplett unwichtige Aspekte, wie dass das Hauptmenü HTML5 als Basis hat werden da als Argument herangezogen, was nur auf komplette technischen Ahnungslosigkeit der Kommentarschreiben hinweist. Electron ist ein Framework auf Basis von Chromium, der OpenSource-Render Engine von Googles Chrom Webbrowser, die es ermöglicht, Desktopapplikationen in HTML5 und Javascript zu schreiben. Dass kann man jetzt mögen oder nicht, aber populäre Applikationen wie Visual Studio Code oder der Deskoptclient der populären Chatapp Discord wurden damit entwicklet, und da höre ich auch niemanden sich beschweren. Dass das Menü schlecht strukturiert ist liegt nicht an der zugrundeliegenden Technologie. Ob die Entscheidung der Entwickler gut war lässt sich kaum abschließend sagen, ich hatte keine Probleme damit. Aber es zeigt mir, mit welchen Mittel versucht wird, jedes noch so kleine Haar in der Suppe zu finden um auf das Spiel einzuschlagen.
Aber das lächerlichste für mich steht wieder auf Metacritic: da wurde das ansonsten universell als Mist eingestufte Day One: Garry’s Incident (das nicht nur ein schlechtes Spiel ist, sondern die Macher auch noch versucht haben, auf YouTube Kritiker zu unterdrücken) mit haufenweise Positiven Bewertungen versehen, damit Reforged den Titel erhält. Dass ist an Lächerlichkeit eigentlich kaum zu überbieten. Und da Metacritic offenkundig keine Schutzmaßnahmen gegen Reviewbombing wie Steam hat kam man damit auch ohne Probleme durch.
Zudem vermute ich stark, das viele nur auf einen Zug aufspringen wollten. Einmal bei einer großen Sache im Internet dabei sein, sich wie Teil eines historischen Ereignissen fühlen, denke ich war auch ein Faktor. Das ist aber wirklich nur eine Einschätzung von mir.

Und was sollte das ganze? Das WarCraft 3 Reforged eine Enttäuschung ist sehe ich auch so, aber ich versuche das differenziert zu sehen. Im Internet gibt es dafür aber keinen Platz, da ist alles Schwarz oder Weiß, entweder das beste aller Zeiten oder kompletter Müll. Alles andere wäre wahrscheinlich zu anstrengend. Und dass das Internet gerade was Hass angeht, das schlechteste in einigen Menschen hervorbringt und durch ihre gefühlte Lautstärke es so aussieht, als wären das viele, dafür braucht man heute wirklich keinen Beweis mehr.

Wie konnte es überhaupt dazu kommen? Wie kann eine Firma wie Blizzard, die einst als der perfekte Spieleentwickler von seinen Fans gefeiert wurde, sowas abliefern?
Für mich war es eigentlich keine Überraschung, sowohl für Blizzard allgemein, als auch Reforged im speziellen. Die Firma, die in den Köpfen vieler noch existiert und quasi perfekte Spiele macht, ist Blizzard seit mindestens zehn Jahren nicht mehr, seit ungefähr zwei Jahren hat sich dieser Prozess aber deutlich beschleunigt. StarCraft 2 konnte nie das Niveau das Vorgängers erreichen, was die Verbreitung angeht, und da hat Blizzard auch mit Schuld, weil sie die Fäden in der Hand behalten wollten. Heroes of the Storm konnte nie zu League of Legends und Dota 2 auch nur aufschließen und wurde von einem Tag auf den nächsten fast komplett abgewürgt.
Diablo 3 warum Release ein Desaster, wurden dann mit dem Addon fast gerettet, nur um dann weiter vor sich in zu dümpeln, ein geplantes zweites Addon wurde zu Gunsten eines Nachfolgers verworfen (kann man in Jason Schreires Buch Blood, Sweat and Pixels im Kapitel über Diablo 3: Reapoer of Souls nachlesen). Auf der Blizzcon 2018 dann der Super-Gau: statt Diablo 4 wurde als großer Rausschmeißer das Mobile-Spiel Diablo Immortal angekündigt, das egal wie gut es wird, jetzt schon kaum eine Chance mehr hat weil der Name so verbrannt ist. Ein Jahr später kam dann die Ankündigung eines neuen Serienteils, der aber auch nicht ohne Kritik auskam.
Bei der Langzeit-Cashcow World of WarCraft sieht es nicht so viel besser aus, das letzte Addon Battle for Azeroth hat nicht nur mich erstmal verbrannt, bei den Fans kam zuletzt das Ende der Story alles andere als gut an. Das nächste Addon hat mir zumindest nur ein müdes "sieht aus wie immer" entlockt, World of WarCraft Classic war da schon fast ein positiver Ausrutscher.

Wie bei vielem geht es schlicht ums Geld: ich habe den Eindruck, dass Blizzard oft als Eigenständig wahrgenommen wird, aber das waren sie in ihrer Geschichte nur ganz am Anfang. Ihren aktuellen Zustand erreichten sie Ende 2007, als Actiivion mit der Spielesparte von Vivendi fusioniert, deren größter und wichtigster Teil Blizzard war. Das daraus entstandene Unternehmen heißt offiziell Activision-Blizzard, aber trotzdem habe ich den Eindruck, dass zwischen den beiden Firmen stärker getrennt wird als sie es eigentlich sind. Das kann auch daran liegen, dass sie auch lange so agiert haben, aber das hat sich gerade die letzten beiden Jahre geändert. Activision macht das meisten Geld durch King, die Firma hinter Candy Crush, und Call of Duty, was jährlich erscheint. Sie wollen Blizzard offenkundig darauf trimmen, öfters neue Produkte an den Start zu bringen. Und das mit allen Mitteln. Sie haben, nachdem sie einen Rekordgewinn bekannt geben haben, erstmal 800 Mitarbeiter entlassen. Sieht man sich das genauer an ist ein direkter Zusammenhang schwierig herzustellen, aber zumindest das Timing war extren ungünstig. Dass sie knapp einen Monat vorher ihrem neuen Finanzchef mal eben 15 Mio Doller als Antrittsprämie gezahlt haben war auch nicht hilfreich. Dazu kommt noch die Geschichte, dass sie allen ernstes einen Anteil an der milliardenschweren Übernahme von Twitch.tv durch Amazon wollten. Das Blizzard teils sehr gesalzene Preise für ihr Spiele will, sie erst sehr spät Preis senkt, kaum Sales abhält und wenn dann selbst Jahre alte Titel maximal um die Hälfte des ursprünglichen Preises verkauft und Box-Versionen nur eine sehr begrenzte Zeit produziert, wirkt da fast noch harmlos.

Und wo wir bei Geld sind: die erste jetzt ans Licht gekommene Änderung der AGBs, dass sich Blizzard die Rechte an Custom Maps sichert. Neu ist das Ganze nicht, aber erst jetzt wurde es publik. Die Kernaussage war da schon lange drin, kurz vor Release von Reforged wurden einigen Zeilen präzisiert – aber wieder mit ungünstigem Timing, die erste Änderung hat niemand mitbekommen. Der Zweck ist klar: sowas wie bei Dota, was aus einer Mod für WarCraft 3 entstand aber andere Firmen mit dem Konzept viel Geld verdient haben, soll sich nicht wiederholen. Ob und wie das wirklich durchgesetzt wird ist fraglich, was auch amerikanische Anwälte so einschätzen. Aber das macht die aktuelle Situation alles andere als besser, sondern zeichnet nur wieder das Bild des geldgierigen Konzerns.

Führende Köpfe wie Chris Metzen und Mike Morhain sind gegangen. Das heißt nicht, dass es keine guten Leute mehr bei Blizzard gibt, ich mag z.b. die Art des Creative Directors von World of WarCraft, Ion Hazzikostas. Aber dann steht da an der Spitze J. Allen Brack, den ich auf der Blizzcon 2019 sah und mir die Worte "Busuiness-Casual-Terminator" durch den Kopf gingen: jemand, der vorne steht und was von Gemeinschaft faselt, aber man es ihm zu keinem Zeitpunkt abnimmt, da seine Körpersprache etwas völlig anderes sagt, Er wirkt sehr Business-mäßig und kalt (und sollte wann immer möglich seine Frisur zum Pferdeschwanz binden) und spiegelt wider, wie Blizzard handelt.
Bei WarCraft 3 Reforged ist das Hauptproblem, wie bei einigen anderen Shitstorms, die Kommunikation: es gab die Ankündigung, dann ein Jahr Funkstille, die erst von der die offenkundig unplanmäßig gestartet Beta kurz vor der Blizzcon 2019 beendet wurde. Auf der Veranstaltung selber kaum ein Wort zu Reforged, im Gegenteil: in der Eröffnungszeremonie wurde ohne Not die Nennung eines Releasetermins verweigert. Und dass es nicht mehr das Spiel werden soll, wie ursprünglich angekündigt wurde, kam nur durch Interviews ans Licht, eine offizielle Kommunikation gab es nicht, was dazu führt, das viele es schlicht nicht mitbekommen haben. Die Beta an sich wurde eher gemischt aufgenommen, aber an einem Release noch 2019 erstmal festgehalten. Schon da hatte ich arge Sorgen, weil in gerade mal zwei Monaten die vielen Probleme der Beta zurechtbiegen dürfte ein Ding der Unmöglichkeit sein, zumal ich nicht denke, dass das Classic Games Team bei Blizzard, dass sich um diese Projekte kümmert, sonderlich groß ist. Wie beim Remaster zu StarCraft hatten sie Hilfe des malyischen Studios Lemon Sky, in welchem Umfang lässt sich als Außenstehender kaum sagen. Dann die Verschiebung um gerade mal vier Wochen, dazu noch die Weihnachtszeit, da kann man auch nichts mehr groß reißen.
Und so ging es erstmal weiter: nach dem Release tagelanges nur Schweigen, obwohl der Shitstorm an Intensität immer mehr zunahm. Als dann was kam, war das keine Entschuldigung, nur vertrösten ud PR-Blabla. Ich meine, was meinen sie mit: "Es tut uns leid wenn ihr nicht die Erfahrung hatte, die ihr erwartet hattet". Das klingt, als wäre es die Schuld der Spieler, dass Reforged nicht das wurde, was sie sich davon versprochen hatten. Dabei hat Blizzard diese großspurigen Ankündigungen gemacht, und warb zu allem Überfluss tagelang nach Release mit den Zwischensequenzen aus der Präsentation, die es im Spiel so gar nicht gibt. Mittlerweile ist das Video nicht mehr so zentral platziert, aber weiter unten unter "Videoarchiv Blizzcon 2018" ist es immer noch zu finden. Aber ohne weitere Erklärung, dass es gar nicht im Spiel ist – meiner Meinung nach gehört das komplett raus. Blizzard hat diese Erwartungen geschürt und ist dann auch dafür verantwortlich, dass sie nicht gehalten wurden. Hier den Fans irgendwas so halb zu unterstellen grenzt schon an eine Frechheit.

Ich kann deswegen völlig verstehen, wenn Leute sauer sind. Ich wusste ziemlich genau, auf was ich mich einließ, und wurde trotzdem enttäuscht. Das einzige, was es etwas gerettet hat, ist dass WarCraft 3 auch nach über 17 Jahren immer noch ein verdammt gutes Spiel ist. Aber das wäre es auch ohne Reforged, bzw. Reforged ist ein immer noch ein gutes Spiel, weil das WarCraft 3 schon immer war. Es hat aber kaum etwas dazu beigetragen, es besser zu machen, sondern hat es verschlechtert indem Features schlicht nicht vorhanden sind, die einen Tag vorher noch ganz normal waren. Ob und wann die kommen, weiß niemand, Blizzard hat sich in seinem Statement so geäußert, wie sie es seit Jahren tun: schwammig, neblig, vor allem: auf nichts festzunageln, nichts konkretes, nur wischi-waschi. Außer dass die Kampagne so bleibt, was aber viele nicht besänftigen wird. Fairerweise muss man sagen dass sie die ersten Schritte unternomme haben, so gibt es mittlerweile ein MMR-System fürs Matchmaking, aber nur in einer sehr rudimentären Form.
Interessant finde ich an dieser Stelle, dass das Remaster zu StarCraft deutlich besser aufgenommen wurde. Auf Metacritic hat es einen Criticscore von 85, der User Score steht bei 7.7. Das würde ich jetzt nicht so unterschreiben, im Endeffekt steht es als Remaster nicht viel besser da als Reforged: außer der besseren Grafik wurde nicht viel daran gemacht. Aber auch keine Funktionen gestrichen, aber dazu muss man auch wissen, dass Sachen wie Matchmaking im offiziellen Client von StarCraft nie vorhanden waren. Zudem hat Blizzard auch nichts anderes angekündigt. Das zeigt: die richtige Kommunikation macht fast mehr aus als das Produkt selber.

Das alles ändert aber nichts daran, dass das, was im Internet zuletzt abging komplett lächerlich ist. Man kann enttäuscht sein, und mittlerweile bekommt man auch recht unkompliziert sein Geld wieder, was am Anfang auch noch nicht lief. Aber gerade die Aktion auf Metacritic ist einfach nur kindisch. Ein anderes Spiel unverdient hochvoten, nur damit man irgendeinen bedeutungslosen Rekord hat? Da fühlt sich bestimmt der eine oder andere vor dem Bildschirm bestätigt, dass er/sie es "den Großen" gezeigt hat – Blizzard, oder korrekterweise Activision Blizzard dürfte das aber nicht groß jucken. Was sie juckt ist der Aktienkurs, der zumindest mit Reforged eine deutlich Delle bekommen sich, sich aber nur zwei Wochen später schon wieder erholt hat und höher steht als letzten November. Deshalb dürfte sich bei Blizzard aller Beteuerungen nach auch erstmal nichts wesentliches ändern, zumindest glaube ich nicht daran.

Für WarCraft 3 Reforged heißt das abwarten und Tee trinken, mehr kann man aktuell nicht machen. Und allgemein finde ich, etwas Ruhe, Distanz und Differenziertheit dürfte allen gut tun. Außer bei Blizzard, die müssen vor allem klar kommunizieren, wie es jetzt weiter geht. Auch wenn ihre Historie der letzten Jahre da nicht viel Hoffnung macht.